Interview mit Manuela Martini
Daniela Kern vom ARENA Verlag sprach mit der Autorin übers Schreiben, ihre Bücher und Tipps für junge Autoren.
Manuela Martini, wie Sind Sie zum Schreiben gekommen?
Ich habe schon als Kind sehr gern gelesen. Abenteuerbücher, Detektivgeschichten, Fünf Freunde, Hanni und Nanni, Sachbücher wie "Was ist Was?" über versunkene Kulturen, über Expeditionen ins Eis oder in Wüsten, über die Besteigung des Mount Everest, ich hatte auch von ESSO ein Buch über historische Expeditionen, in das man Bilder einkleben musste. Dieses Buch habe ich geliebt!
Wenn ich mit meinen Eltern in Urlaub fuhr, führte ich so eine Art Tagebuch, das war ein linierter Spiralblock, in den ich schrieb und kleine Zeichnungen machte. In erster Linie habe ich das für meine gehörlose Oma gemacht, ich hätte ihr ja nicht alles mündlich erzählen können. Na ja und beim Schreiben hab ich dann meistens etwas hinzuerfunden, um die Geschichte spannender zu machen. Ich glaube so ein Spiralblock muss noch irgendwo auf dem Speicher liegen.
Warum schreiben Sie Thriller? Was interessiert Sie an diesem Genre?
Für mich bedeuten Thriller – ob ich sie lese oder schreibe - Spannung, Nervenkitzel, Rätselraten, und am Ende Erleichterung und das Gefühl, eine lebensbedrohliche Gefahr bewältigt zu haben. Ich denke, dass dies allen Thriller-Fans so geht. Als Autorin reizt mich die Herausforderung. Gelingt es mir, eine spannende, nervenkitzelnde, rätselhafte Story zu schreiben?
Sie haben auch Krimis für Erwachsene geschrieben. Was ist das Besondere, wenn Sie für Jugendliche schreiben?
Ich glaube, was den Unterschied ausmacht, ist nicht unbedingt die Thematik, es sind die Charaktere. Als junger Mensch hat man in der Regel alles noch nicht so oft erlebt, wie als Erwachsener. Da ist die erste Liebe, die erste, wirkliche Enttäuschung, die erste Trauer, die erste lebensbedrohliche Situation. Man erlebt meist Situationen unmittelbarer und nicht durch den dicken Filter von mehreren Jahrzehnten gelebten Lebens.
Für mein Schreiben bedeutet das, ich kann die Gefühle auch so schildern: neu, dramatisch, überwältigend.
Die Themen Ihrer Bücher gehen unter die Haut: Es geht um Mobbing, Zeugenschutzprogramme, psychische Störungen. Wie kommen Sie auf Ihre Themen?
Indem ich so viel ich kann wahrnehme. Das ist, als wenn ich mir ein schnell geschnittenes Videoclip ansehe, manche Bilder und Frequenzen bleiben im Gedächtnis, vielleicht weil sie eine Erinnerung oder Assoziation wecken oder mich schockieren oder rühren.
Ob ich fernsehe, lese, im Internet browse, mich mit Menschen unterhalte, spazieren gehe, träume - manche Momente und Eindrücke wecken mein Interesse und dann fange ich an, zu fantasieren und eine Geschichte zu stricken.
Und wie finden Sie die Schauplätze? Viele Ihrer Bücher spielen ja im Ausland, beispielsweise in Spanien oder Australien.
Oft inspirieren mich Schauplätze zu einer Geschichte. Schauplätze müssen einen bestimmten Reiz auf mich ausüben. Als ich mehrere Jahre in Australien verbracht habe, erging es mir so. Da sehe ich ein Motel und ganz in der Nähe eine tiefe Schlucht, es ist heiß und an einem stacheligen Busch hängt ein Stofffetzen - und schon fange ich an, eine Geschichte zu weben. Mein Buch „Puppenrache“ spielt in Sidney, Brisbane und in Zentralaustralien, ebenfalls Orte, die ich sehr gut kenne.
Seit einigen Jahren lebe ich in Südspanien, auch hier erlebe ich Situationen, die dann manchmal in ein Buch einfließen, wie in „Sommerfrost“, das in Marbella spielt, wo ich auch mal gewohnt habe. "Sommernachtsschrei" ist am Chiemsee verortet, an den ich in meiner Zeit in München häufig zum Wandern gefahren bin. Und der neue Thriller spielt in Südfrankreich an der Côte d’Azur, wo ich häufiger Freunde besuche.
Was ist zuerst da, wenn Sie einen Roman schreiben - die Idee für den Plot oder die Charaktere?
Das ist unterschiedlich. Manchmal ist da zuerst ein Thema. Wie zum Beispiel in "Puppenrache", was übrigens auf einer wahren Begebenheit beruht. Darin geht es um ein Mädchen im Zeugenschutzprogramm. Ich wollte etwas darüber schreiben, wie es ist, seine Identität aufzugeben, eine neue anzunehmen und an einem neuen Ort ein neues Leben anzufangen – ohne Kontakte zu alten Freunden und zur Familie.
Manchmal habe ich auch zuerst die Idee für einen Plot. In "Sommernachtsschrei" war es so. Franziska muss sich an zehn entscheidende Minuten erinnern, die ihr in ihrem Gedächtnis fehlen. In dem Roman, den ich jetzt schreibe - er erscheint im Juni 2012 - waren die Charaktere und der Handlungsort zuerst da.
Welches Ihrer Bücher mögen Sie am liebsten?
"Sommerfrost" mag ich auf eine besondere Art: Es war mein erstes Jugendbuch.
"Outback" war mein erster Roman überhaupt, der hat auch einen besonderen Stellenwert für mich. Sonst mag ich immer das Buch am meisten, das ich gerade geschrieben habe.
Was raten Sie jungen Leuten, die Sie fragen: Wie fange ich an, wenn ich einen Roman schreiben möchte?
Ich würde gern sagen, man belegt einen Creative Writing Kurs, lernt ein bisschen "Handwerk" und fängt an. Das mag bei einigen funktionieren, andere werden von einem Kurs zum anderen hetzen und sich mit immer mehr Wissen zustopfen, bis sie keinen einzigen eigenen Satz mehr zustande bringen, geschweige denn sich entscheiden können, worüber sie schreiben wollen. Stets zu fürchten, man könne noch nicht genug, um eine Geschichte zu schreiben – das ist der größte Fehler, den man machen kann. Auf diese Weise entschuldigt man sich immer selbst.
Also, mein Rat: anfangen, ausprobieren, einen guten Creative Writing Kurs besuchen, lesen, analysieren und schreiben.
